Donnerstag, 8. Juni 2006
Zerendipity - Teil 1
mein.dasein, 11:26h
Die S1 Richtung Frankfurt war wieder gewohnt voll. Das ist die wohl am verlässlichsten unpünktliche Bahn im Ganzen Rhein-Main-Gebiet. Die üblichen fünf Minuten waren heute noch etwas überschritten, wodurch schon eine ganze Menge an Leuten für den nächsten Zug mit eingestiegen sind. Immerhin habe ich kann einen Sitzplatz am Gang ergattern können, was nur gelingt, wenn man sich genau dahin stellt, wo die Tür am Bahnsteig anhält. So, ich saß, Buch heraus, aufschlagen, lesen: morgendliche Routine. Die Wärme aus den Lüftungsschlitzen vertreibt auf den Sitzplätzen die winterliche Kälte einigermaßen. Immerhin ein Gangplatz. Am Fenster sitzt man gegen die kalte Außenhaut des Zuges gepresst.
In Hattersheim hatte sich die Situation noch verschärft. Die Menschen drängten sich mittlerweile im Gang. Eine Station weiter, Sindlingen, der Mann neben mir am Fenster will aussteigen. Knieheben, Geschiebe zum Gang, Bewegung in der Menge. "Entschuldigung, darf ich mal durch!". Füße treten. Ein Walkman hämmert verzerrte Hip-Hop-Beats in die Menge. Warum aufsehen, wenn das Buch so spannend ist?
Der Zug ruckt an. Eine Hand fährt direkt an meinem Ohr vorbei; es zerrt an meinem Hals. "Oh, verdammt. Äh, Entschuldigung. Ich bin hängen geblieben. Moment, ich hab's gleich." Was ist los? Der Zug ruck wieder. Die Weiche an der Ausfahrt ist tödlich für alle Freihandsteher. Die zweite Hand geht an meinem anderen Ohr vorbei. Ich fühle mich gewürgt. "Mist! Ich hänge!" Meine Brille sitzt schief. Ich sehe nur Mantel, Knöpfe, ein Schaal quer über meinem Gesicht. "Herrje, muss mir dass jetzt passieren!" Langsam werde ich mir der Situation bewusst. Die Frau, die auf den Fensterplatz wollte, ist gestolpert und hängt nun in meine dicken Wollschal mit beiden Händen auf beiden Seiten meine Kopfes fest. Sie ist über mich gebeugt und schützt sich mit den Händen an der Glasscheibe hinter mir ab. Wenn ich den Schaal zur Seite bekäme würde ich direkt in Dekoltee blicken. Ich traue mich aber nicht meine Hände zu heben. Das könnte peinlich werden. Ich will mir schließlich nicht auch noch eine Ohrfeige einfangen. Außerdem kriege ich immer noch kein Wort heraus.
"Ich, äh, Entschuldigung." Schon zum dritten mal. Ich will Luft. Immerhin rieche ich Parfüm statt Schweiß, was in der S-Bahn keine Selbstverständlichkeit ist. "Moment, ich rutsche zur Seite." Ich habe mich langsam gefangen; Herr der Lage bin ich aber nicht. Jetzt habe ich den Fensterplatz und immer noch den Kopf zwischen zwei Mantelärmeln. Wahrscheinlich gucken gerade hundert Leute. Zum Glück kann ich das nicht sehen.
Die Hände greifen hinten um meinen Kopf herum und wursteln irgendwas. "Eine Hand habe ich gleich frei! Die Knöpfe vom Ärmel hängen in Ihrem Schaal fest." Gleich sind wir in Niederrad. "Es wäre schön, wenn ich kann am Hauptbahnhof aussteigen könnte." Ein erster Versuch der verbalen Befreiung. Ich habe meine linke Hand gehoben, um meine Brille zurechtzurücken und bin direkt zwischen Mantel und Pulli gelandet. Ihre Handtasche ist mittlerweile herumgerutscht und der Schulterriemen zieht jetzt knapp vor meiner Brille vorbei.
"Ich habe die eine Hand los." Na Endlich. Ich sehe jetzt wieder etwas. Einmal tief Luftholen. Schon besser. "Oh, Ihre Brille!" Das ist ja wie bei Loriot im Flugzeug. Immerhin sitzt die Brille jetzt wieder gerade auf der Nase.
"Sind Sie bei allem so fesselnd?" Seit wann kann ich schlagfertig sein?
"Nein, nicht bei allem." Eine leichte Betonung liegt auf dem letzten Wort. "Ist Ihnen etwas passiert?"
"Nein: Gefesselt, Erwürgt, Blind, fehlt nur noch von Terroristen entführt."
"Ich muss auch am Hauptbahnhof heraus. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?"
Was weiter passiert ist folgt, sowie ich wieder Zeit zum tippen habe. Hoffentlich!
In Hattersheim hatte sich die Situation noch verschärft. Die Menschen drängten sich mittlerweile im Gang. Eine Station weiter, Sindlingen, der Mann neben mir am Fenster will aussteigen. Knieheben, Geschiebe zum Gang, Bewegung in der Menge. "Entschuldigung, darf ich mal durch!". Füße treten. Ein Walkman hämmert verzerrte Hip-Hop-Beats in die Menge. Warum aufsehen, wenn das Buch so spannend ist?
Der Zug ruckt an. Eine Hand fährt direkt an meinem Ohr vorbei; es zerrt an meinem Hals. "Oh, verdammt. Äh, Entschuldigung. Ich bin hängen geblieben. Moment, ich hab's gleich." Was ist los? Der Zug ruck wieder. Die Weiche an der Ausfahrt ist tödlich für alle Freihandsteher. Die zweite Hand geht an meinem anderen Ohr vorbei. Ich fühle mich gewürgt. "Mist! Ich hänge!" Meine Brille sitzt schief. Ich sehe nur Mantel, Knöpfe, ein Schaal quer über meinem Gesicht. "Herrje, muss mir dass jetzt passieren!" Langsam werde ich mir der Situation bewusst. Die Frau, die auf den Fensterplatz wollte, ist gestolpert und hängt nun in meine dicken Wollschal mit beiden Händen auf beiden Seiten meine Kopfes fest. Sie ist über mich gebeugt und schützt sich mit den Händen an der Glasscheibe hinter mir ab. Wenn ich den Schaal zur Seite bekäme würde ich direkt in Dekoltee blicken. Ich traue mich aber nicht meine Hände zu heben. Das könnte peinlich werden. Ich will mir schließlich nicht auch noch eine Ohrfeige einfangen. Außerdem kriege ich immer noch kein Wort heraus.
"Ich, äh, Entschuldigung." Schon zum dritten mal. Ich will Luft. Immerhin rieche ich Parfüm statt Schweiß, was in der S-Bahn keine Selbstverständlichkeit ist. "Moment, ich rutsche zur Seite." Ich habe mich langsam gefangen; Herr der Lage bin ich aber nicht. Jetzt habe ich den Fensterplatz und immer noch den Kopf zwischen zwei Mantelärmeln. Wahrscheinlich gucken gerade hundert Leute. Zum Glück kann ich das nicht sehen.
Die Hände greifen hinten um meinen Kopf herum und wursteln irgendwas. "Eine Hand habe ich gleich frei! Die Knöpfe vom Ärmel hängen in Ihrem Schaal fest." Gleich sind wir in Niederrad. "Es wäre schön, wenn ich kann am Hauptbahnhof aussteigen könnte." Ein erster Versuch der verbalen Befreiung. Ich habe meine linke Hand gehoben, um meine Brille zurechtzurücken und bin direkt zwischen Mantel und Pulli gelandet. Ihre Handtasche ist mittlerweile herumgerutscht und der Schulterriemen zieht jetzt knapp vor meiner Brille vorbei.
"Ich habe die eine Hand los." Na Endlich. Ich sehe jetzt wieder etwas. Einmal tief Luftholen. Schon besser. "Oh, Ihre Brille!" Das ist ja wie bei Loriot im Flugzeug. Immerhin sitzt die Brille jetzt wieder gerade auf der Nase.
"Sind Sie bei allem so fesselnd?" Seit wann kann ich schlagfertig sein?
"Nein, nicht bei allem." Eine leichte Betonung liegt auf dem letzten Wort. "Ist Ihnen etwas passiert?"
"Nein: Gefesselt, Erwürgt, Blind, fehlt nur noch von Terroristen entführt."
"Ich muss auch am Hauptbahnhof heraus. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?"
Was weiter passiert ist folgt, sowie ich wieder Zeit zum tippen habe. Hoffentlich!
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