Donnerstag, 29. Juni 2006
Zerendipity - Teil 4
11:45. Speichern. Rechner sperren. „Ich geh heute wo anders essen. Tschöö.“ MantelanziehundausdemRaumstehl. Kurz Hände Waschen gehen. Zugangskarte wegstecken.
Jetzt nur nicht hetzen. Eineinhalb Kilometer Fußmarsch liegen vor mir. Trübes Wetter, kalt, windig, aber immerhin regnet es nicht. Es ist schon komisch, dass mir ein Kaffeetrinken den Puls steigen lässt. Ja, ich weiß ja, eine Unbekannte mit Namen Zenrendipity. Nett. Quirliger erster Eindruck. Was will ich eigentlich? Noch zehn Minuten. Und hör jetzt mit den Selbstgesprächen auf! Meine Ohren werden kalt. Wahrscheinlich bin ich doch abgehetzt. Wahrscheinlich ist sie sowieso zu spät.
Noch zwei Ecken. Umschauen. Hier läuft sie nirgends herum. Da kommt die Westeendstraße. Da kann man einen Kaffee trinken? Sieht irgendwie nicht so aus. Durch die Fenster kann ich sie nicht entdecken. Langsamer, damit der Puls sich legt.
„Hallo!“, das ist ihre Stimme. Hinter mir.
„Hallo, ganz schön windig. Willst Du hier rein?“
„Ja, der Espresso wartet. Ich hol’ mir auch ein Focaccia. Die sind hier gut.“
Allgemeines Gerede. Der Espresso richt gut. Ich hab den Mund voll vom getoastetem Brot, Salat, Schinken, Tomate und bekomme immer nur kleine Sätze heraus. Die Hektik hat mich noch nicht verlassen.
„Ich wollte dich fragen, ob du mir beim Einkaufen behilflich sein kannst?“
„mpfja, mgerme“
„Alleine traue ich mich nicht. Spielzeug zu kaufen. “ Räusper.
Fragezeichen. Komischguck. „Spielzeug?“ Spielzeug… ich glaube mir schwant da was. „Äh, ja, durchaus…“ Mein Magen fühlt sich schon wieder überrumpelt.
„jehetzt?“ Grinsen und den Kopf leicht nach unten neigen. Sie hält sich die Hand leicht offen vor den Mund.
Ich habe mein Sandwich gerade fertig. „Warum ich?“
„Wie gesagt, alleine traue ich mich nicht und Du bist für mich unverfänglich, weil du ja sonst um mich herum nichts kennst. Du kannst nichts verraten. Und du wirkst so als würdest du mit gehen.“ Schmeichel.
„Aha, und damit meine ich keine Musikgruppe.“ Ich fühle mich über den Tisch gezogen, da ich genau weiß, dass ich mitgehe.
„Biiiiitte. Das ist spannend.“
So waren wir also drei Minuten später auf dem Weg. Wenn ich abends zum Bahnhof hetzte, sehe ich Leute mit hochgeschlagenem Kragen und zügigem Schritt in die entsprechenden Läden einbiegen oder herauskommen und gradewegs Abstand gewinnen. Ich jetzt bin ich mit einer fast unbekannten Frau dorthin unterwegs.
Sie hat mittlerweile eine Baseballmütze auf, und die Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, hinten durch die Größenverstellung gezogen. Die Mütze sitzt tief im Gesicht. Wir steuern auf Dr. Müller zu.

... comment