Mittwoch, 6. September 2006
Schaufenstervorbeilaufen
Jeden Morgen gehe ich an einem Schaufenster vorbei. Wäschegeschäft. In einer der Ecken, ganz an die Seite gedrückt, so, dass es fast nicht zu sehen ist, steht die untere Hälfte einer Schaufensterpuppe in die Ecke gelehnt. Vergessen könnte man meinen. Alle anderen Stücke wechseln periodisch. Alle ein oder zwei Wochen ein anderes Bild. Nur diese kleine Ecke bleibt bestehen. Hohe schwarze Stümpfe mit einem Bund in Spitze, den ich für viel zu breit halte. Ein gerade so durchsichtiger bodenlanger Rock darüber. So lang, dass die Trägerin etwas höhere aber nicht zu hohe Absätze benötigt. An einer Seite bis zur Hüfte geschlitzt. Fast eine Wickelrock, jedoch nicht gewickelt; die Seiten überlappen nicht. Ich muss nur einen winzigen Augenblick hinschauen um alles zu wissen.

Die Schaufensterpuppe trägt nichts anderes. Ich stelle mir dazu die Trägerin vor. Der Film zu Kunderas „Unglaublicher Leichtigkeit des Seins“ fällt mir ein. In einer Szene trägt die Protagonistin unglaublich konsequent gerade Unterwäsche. Einfach wäre übertrieben. Nur passend. Nur für diese eine Frau. Nur diese eine Frau perfekt zur Schau stellend. Nicht obszön, sondern unglaublich erotisch. Während die Wäsche in Film aus festem Baumwollstoff bestand, muss der Stoff dem des Kleides angepasst sein. Eine feine Struktur, eine glatte Oberfläche, geschlossen, nicht zu knapp. Auf jeden Fall aber ohne Spitze. Schwarz. Nur so kann der Bund der Strümpfe bestehen.

Wer sähe darin gut aus? Ich selbst? Bestimmt nicht. Die Frau die gerade entgegenkommt. Nein, vielleicht die nächste. Das ist nicht sexistisch gemeint, nicht jeder Trägerin würde das zur förderlich sein. Der Charakter muss irgendwo zwischen verrucht und stolz, verwegen und zurückhaltend liegen. Mit gespielter Fastgleichgültigkeit. Eventuell eine Zigarette in der Hand: verwegen. Verschmolzen mit der Wäsche. So wie Prince singt: I like to dress you, I mean take you out the clothes. Vereinnahmend, nichts anderes im Raum darf mehr gelten. Das Raum-Zeit-Kontinuum bekommt eine Singularität. Der Attraktor zieht unweigerlich an und man wird in das Schwarze Loch der Gedanken gezogen. E-gleich-m-c-Quadrat. Die Masse wird in Energie umgewandelt und unendlich gedehnt. Der Raum elektrisiert um dessen neues Zentrum.

Ich träume morgen weiter. Hoffentlich wird die Schaufensterpuppe noch lange dort stehen bleiben.

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